| Die Berliner Mauer | Die Werkschau | Der Verein | 13.August / 9.November |
Rheinischer Merkur Nr. 35, 28.08.2003
Damit Orte erinnern, erhalten sie Denkmäler. Jede Erinnerung an ein Geschehen ist die Erinnerung an einen Ort. Folglich wäre ein Denkmal der Berliner Mauer kilometerlang. Es müsste sich um die ehemals eingeschlossene Stadt legen, die im Osten Westberlin, im Westen Berlin (West) genannt wurde und das Negativbild einer anderen, umfassenderen Einschließung war.
Und wirklich gibt es ein in den Asphalt eingelassenes Band, das weite Strecken dieses Bauwerks nachzeichnet - unauffällig, fast unsichtbar, sehr diskret.
\\Die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße aber geht den anderen Weg: Statt der Skizze des Gesamten präsentiert sie ein Detail und repräsentiert damit das Ganze. Während der Streifen im Boden die Länge und topografische Geschlossenheit der Mauer metaphorisiert, so wird die von den Kölner Architekten Kohlhoff & Kohlhoff gestaltete Gedenkstätte zur Metonymie des Terrorbauwerks:
Pars pro Toto steht der Teil für das Ganze.Der Ort ist gut gewählt: Wie sonst nur am Brandenburger Tor, so verdichtet sich in der Bernauer Straße das historische Geschehen um die gewaltsame Trennung Berlins. Im August 1961 sprang hier der Volkspolizist Conrad Schumann über die Stacheldrahtrollen in den Westen. Fotos und Filme zeigten Ostberliner, die sich aus Häusern, die im Osten standen, auf den Gehweg retteten, der schon zum Westen, zum französischen Sektor, gehörte. Seither gilt die Bernauer Straße als „Schicksalsmeile“ der Teilung.
Auch die Tunnel, durch die Bewohner des sowjetischen Sektors in die Freiheit entkamen, stehen für den Mythos dieses Ortes.In einem Ensemble von Erinnerungsorten wird dieser Vergangenheit der Bernauer Straße gedacht.
Die ovale Kapelle der Versöhnung erinnert an die 1961 gesprengte Versöhnungskirche, ein Dokumentationszentrum berichtet von der bewegten und tödlichen Geschichte dieses Ortes. Und vor allem lässt das am 2. Oktober 1990 unter Denkmalschutz gestellte und erhaltene Stück des Grenzstreifens erahnen, was es bedeutete, hinter diesem Bollwerk zu leben.
Das eigentliche Denkmal operiert mit der besonderen Ökonomie von Zeigen und Verbergen. Solange sie bestand, war die Mauer ein Mahnmal auch des Abschließens und Verbergens. Dieses Prinzip haben Sven und Claudia Kohlhoff in ihrem Werk aufgehoben, das heißt bewahrt und negiert zugleich.
Ihr Denkmal umfasst einen 70 Meter langen authentisch erhaltenen Streifen der Grenzbefestigung mit Lampen, Fahrweg, Mauer, Zäunen, Minenstreifen. Das 60 Meter tiefe Gelände wird zu den Seiten hin von sieben Meter hohen Stahlplatten abgegrenzt. Außen braun, sind diese Platten nach innen poliert. Dem Betrachter bieten sie eine Reflexion des Gesehenen. Der Blick auf die nahe Wand wird zum Blick in eine Ferne, zur Stütze der Imagination. Entscheidend aber ist der Zugang zu diesem besonderen Blick. Wer das banale Geheimnis des Todesstreifens sehen will, kann dies nicht durch einen flüchtigen Blick, sondern muss durch schmale Schlitze schauen.
Der Effekt ist enorm: Der erblickte Ausschnitt erscheint wie eine gänzlich abgeschiedene, geheimnisvolle Parallelrealität. Als abgegrenzter und unbetretener Raum erinnert der Raum dieses Denkmals an liturgische Orte:
Separiert vom Zugang, separiert auch vom „normalen“ Blick, lädt sich dieser Ort auf mit einer fast sakral anmutenden Aura des Stillstands, der angehaltenen Zeit. Alles ist nah, und zugleich scheint Ferne auf. Die Geschichte ist nicht das, was man sieht, sondern das, was man ahnt. Eine Begegnung mit dem Denkmal ist unvergesslich, weil man dieses Bewusstsein um die Begrenztheit der puren Dokumente, der reinen Fakten, des authentischen Relikts spürt.
Nicht die Dinge erzeugen das Gedenken, sondern der besondere Blick auf sie. Die Mauergedenkstätte funktioniert als Bühne. Wer sie sieht, belebt sie mit den Gestalten seiner Vorstellungskraft.
Wie nur sehr wenige Denkmäler verdichtet und inszeniert die Mauergedenkstätte in ihrer Architektur das einfache und doch so problematische Paradox jedes Erinnerns: dass die Geschichte unsichtbar ist.
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